iustitia distributiva / iustitia commutativa

austeilende Gerechtigkeit / ausgleichende Gerechtigkeit

Aussprache: justízia distributíva / justízia kommutatíva

Aristotelisches Begriffspaar der Gerechtigkeitslehre: Die austeilende Gerechtigkeit (iustitia distributiva) verteilt Güter, Ämter und Lasten im Verhältnis des Gemeinwesens zum Einzelnen nach Würdigkeit und Bedarf; die ausgleichende Gerechtigkeit (iustitia commutativa) stellt zwischen Gleichgeordneten das gestörte Gleichgewicht wieder her.

Etymologie

Lateinisch iustitia (Gerechtigkeit, von ius = Recht); distribuere = zuteilen, verteilen; commutare = austauschen, wechseln. Die Unterscheidung geht auf Aristoteles zurück (Nikomachische Ethik, Buch V), der die verteilende von der ausgleichenden Gerechtigkeit trennte; Thomas von Aquin prägte die lateinischen Begriffe und systematisierte die Lehre (Summa Theologiae II-II q. 61). Die römische Formel Ulpians „suum cuique tribuere“ (jedem das Seine zuteilen) fasst den gemeinsamen Kern.

Juristische Bedeutung

Die Unterscheidung ordnet zwei grundverschiedene Gerechtigkeitsverhältnisse.

Austeilende Gerechtigkeit (iustitia distributiva): Sie betrifft das Verhältnis des Gemeinwesens zum Einzelnen — die Verteilung von Gütern, Ämtern, Rechten und Lasten. Maßstab ist nicht die schlichte Gleichheit, sondern die geometrische Proportion: Jeder erhält nach seiner Würdigkeit, Leistung oder seinem Bedarf. Sie steht hinter der Lastenverteilung nach Leistungsfähigkeit (Steuerrecht), der Zuteilung knapper öffentlicher Güter (Studienplätze, Sozialleistungen) und findet ihren verfassungsrechtlichen Maßstab in Art. 3 GG, der Gleiches gleich, Ungleiches aber ungleich behandeln lässt.

Ausgleichende Gerechtigkeit (iustitia commutativa): Sie betrifft das Verhältnis Gleichgeordneter und stellt ein gestörtes Gleichgewicht wieder her. Maßstab ist die arithmetische Gleichheit von Wert und Gegenwert. Sie steht hinter dem Schadensersatzrecht (Herstellung des Zustands ohne das schädigende Ereignis, § 249 BGB), dem Bereicherungsrecht (Abschöpfung des rechtsgrundlos Erlangten, § 812 BGB) und der Vertragsäquivalenz (Leistung und Gegenleistung, Störung der Geschäftsgrundlage).

Beide sind keine positiven Rechtsnormen, sondern Denkfiguren, die die Struktur ganzer Rechtsgebiete offenlegen: Wer erkennt, ob ein Problem verteilungs- oder ausgleichsgerecht zu lösen ist, wählt den richtigen Maßstab. Thomas von Aquin ergänzte als dritte Form die iustitia legalis (die Ausrichtung des Einzelnen auf das Gemeinwohl).

In der Klausur

Grundlagenfach Rechtsphilosophie und analytische Brille im Pflichtstoff. Bei Art. 3 GG hilft die Unterscheidung, formale Gleichbehandlung von verteilungsgerechter Differenzierung zu trennen (Gleiches gleich, Ungleiches ungleich). Im Zivilrecht macht sie die Struktur des Schadens- und Bereicherungsrechts als Ausgleichsordnung sichtbar. Falle: Es handelt sich um eine Denkfigur, nicht um eine subsumtionsfähige Norm — sie liefert den Maßstab, ersetzt aber nicht die Prüfung der einschlägigen Vorschrift; nicht mit dem Gleichheitssatz gleichsetzen. Das Begriffspaar gehört zum Grundlagenfach Rechtsphilosophie.

Beispielsfall

Numerus clausus und Verteilungsgerechtigkeit (BVerfGE 33, 303)

Die Zahl der Bewerber für das Medizinstudium übersteigt die vorhandenen Studienplätze bei Weitem. Nach welchen Maßstäben dürfen die knappen Plätze verteilt werden?

Losungsskizze

Es geht um ein Problem der austeilenden Gerechtigkeit: die Zuteilung eines knappen öffentlichen Guts. Das BVerfG leitet aus Art. 12 I in Verbindung mit Art. 3 I GG und dem Sozialstaatsprinzip ein Teilhaberecht ab: Die vorhandenen Kapazitäten müssen erschöpfend genutzt und die Plätze nach sachgerechten, gleichheitswahrenden Kriterien (Eignung, Wartezeit) verteilt werden. Die Verteilung nach Würdigkeit und sachlichem Maßstab statt nach schlichter Gleichverteilung ist der Paradefall der iustitia distributiva.

Verwandte Begriffe

Verwandte Normen

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